Beobachtungen im Bereich 'Der Apparat'

Algorithmus der Prophezeiung

Samstag, Mai 8th, 2010

Endlich kommts raus. Und gleich alles zusammen: Denn die Hälfte des Börsenhandels geschieht ohne das Zutun der Broker.

Weiland Griechland wankt, packts den Stier an den Hörnern: Man muss nicht unbedingt mitmischen, wenn die Lawine bereits rollt. Es drohen Unkosten, am Ende.

Wie der Beschwerdeführer gegen die Vorratsdatenspeicherung des Chaos Computer Clubs messerscharf folgert, stiftet ein grundsätzlich begrüßenswertes Urteil des BVerfG eher ungewollt gleich doppeltes Unbill:

Aufgrund höherer Sicherheitsanforderungen, wohl gemerkt. War es Robert K. Merton, der so etwas zuerst “self-defeating prophecy” taufte?

Maschinen übernehmen und kumulieren Daten nach unseren Regeln. Weil wir es lieben: Ordnung, Geld und Geschwätz. Nur ein Affe hält uns alle für Idioten, Herr Schneider hingegen für seine Schüler, welch ein Glück.

Kulturgüter in der Schelmenwelt

Samstag, Februar 20th, 2010

Huch, mein Facebook ist weg! Dies dachten nicht wenige, die sich neulich – wie üblich – ihren Weg ins weltgrößte Soziale Netzwerk über eines dieser Eingabefelder oben im Browser bahnten.

facebook login - Google Search
Uploaded with plasq‘s Skitch!

Was sie nicht wussten, war zweierlei: Erstens, dass ein lesenswerter Facebook-kritischer Artikel des Tech-Blogs ReadWriteWeb aufgrund der mächtigen, wenngleich kontextabhängigen Intelligenz von Googles Algorithmen zwischenzeitig einen der besten Plätze zur Suchanfrage “Facebook login” erklommen hatte.

Und zweitens wussten sie und wissen vermutlich bis heute nicht, dass das Suchfeld oben rechts im Browser nicht (direkt) denselben steuert, sondern meistens die populärste Suchmaschine füttert. Was wir daraus lernen – von wichtigen Lektionen in Search Usability einmal abgesehen?

Vielleicht, dass die digitale Kultur nicht psychedelisch, “eine Technologie- und Wirtschaftsentwicklung mit sozialen Auswirkungen” und die “kulturellen Leistungen des Internets [...] bisher noch marginal” sind? So meint jedenfalls Andrian Kreye in der Süddeutschen. Der Alltag ändert sich, die Kultur bleibt gleich – der Apparat denkt diesbezüglich langsamer…

Wenn es nach der Piratenpartei Berlin ginge, wären die technikaffinen Massen demokratisch viel weniger träge. Einzige Voraussetzung für Repräsentation in politischen Diskursen bleibt auch in der Liquid Democracy oder in ihrer kleinen vorrevolutionären Schwester namens “Liquid Feedback” ein registriertes Netzwerkprofil: “Mitglieder der Berliner Piraten, die nicht im System registriert sind, können Ihre Stimme auch nicht delegieren.”

So ist es eben: Was den einen demokratisch oder kulturell wertvoll erscheint, gilt einem anderen Kopf in der FAZ höchstens romanästhetisch relevant: “Es ist eine Welt für Schelme in meist mittlerem Alter, die wie Gil Blas Schiffbruch erlitten haben und nun mit Dreistigkeit und Selbstmarketing anderen erzählen, wie man den Goldschatz findet. [...] Solange sich alle Schelme einig sind, dass es so kommen wird, und solange Medien ihnen den nötigen Raum geben, funktioniert das System”.

Mehr Input zur Verschmelzung von Welt und Web gefällig? Sehen Sie in der taz, wie unsere Küche in – sagen wir fünf Jahren – agiert. Und überhaupt, ist das Sterben des Journalismus etwa keine Kunst?

Neutrality and maoism left

Sonntag, Januar 17th, 2010

Allem Erfolg liegt ein Scheitern inne. Diese kühne These erlaubt den Brückenschlag zwischen drei Aspekten digitaler Kultur:
- Zugang und Leitung
- Eigentum und Entlohnung
- Privatheit und Öffentlichkeit

Versuchen wir die behauptete Diagnose der Lage Anfang des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends:

  1. Netzneutralität, also die gesicherte Möglichkeit, im Internet alles gleichartig (und gleichzeitig) vorzufinden, ist in der Krise.
  2. Copyleft: Ansprüche an Eigentum und Vergütung von Wissen befinden sich seit Durchbruch des Webs in einer permanenten Revolte.
  3. “Was du nicht willst, dass der andere weiß, das lasse lieber sein.” Die Grenze zwischen traditioneller Privat- und Allgemeinheit wackelt und bewegt sich.

Befragen wir die Avantgarde in der FAZ:

  • Jaron Lanier beklagt, dass ein “Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten.” So komme es “unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.”
  • Geert Lovink geißelt “eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde.” Erst als das Netz “von der Unternehmenskultur schon übernommen worden war, kamen die technischen Möglichkeiten, es ästhetisch fortzuentwickeln. Eigentlich hätte dieser Prozess komplett umgekehrt verlaufen müssen. Erst die Avantgarde und dann die unternehmerische Umsetzung.”

Denken wir nach: Was kommt, was wird gewesen sein? Was IBM vor Jahren prognostizierte? Stimmen Sie ab!

Der Apparat befürchtet, am Ende wird abgerechnet. Vielleicht mit einem Mikrozahlungssystem à la Lanier: “Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen.”

Webanalytics und Datenschutz: Kurze IPs, großer Teich

Samstag, November 28th, 2009

Kennen Sie Google Analytics? Wenn Sie nichts Kleingedrucktes lesen, vermutlich nicht. Wie heise.de von der letzten Sitzung des Düsseldorfer Kreises, einem Zusammenschluss der obersten Aufsichtsbehörden für Datenschutz in Deutschland, berichtet, warnen Datenschützer erneut vor Webanalyse-Diensten, wie Sie Google betreibt und Webmastern zur kostenfreien Nutzung überlässt.

Laut Beratungsfirma Xamit kommt Google Analytics auf (in? bei?) 1,8 Millionen deutschen Websites zum Einsatz, was ungefähr 13 Prozent entspricht. Weitere 4% nutzen die meist kostenpflichtigen Webanalyse-Dienste anderer Anbieter. (Zum Basiswert: Denic zählte heute 13.213.397 .de-Domains, Netcraft weltweit 186,727,854 aktive Sites im letzten Jahr.)

Was daran gefährlich ist? Webanalyse bedeutet, die Nutzung einer Website durch ihre Besucher, also das Nutzerverhalten zu untersuchen – und daraus auf Eigenschaften der Besucher (Bedürfnisse, Einstellungen..) zu schließen. Dazu muss ein Server die Spuren der Nutzer erfassen und speichern. Aus Datenschutz-rechtlicher Sicht stellen sich mindestens diese Fragen:

1. Sind IP-Adressen personenbezogene Daten, und (wie oder wo) dürfen sie gespeichert werden? Die Antwort ist strittig: Das Amtsgericht München meint nein, das Amtsgericht Berlin sagt ja. Konsens besteht jedoch, dass alle erhobenen IPs im Prozess der Analyse mindestens zu kürzen (=unkenntlich zu machen) sind.

2. In welcher Form sind die Besucher darüber aufzuklären, dass sie ins Visier der Webanalyse geraten? Reicht ein solcher Hinweis im Impressum oder in der Datenschutzerklärung? Wir hoffen, ja!

3. Welche Möglichkeit müssen Website-Betreiber anbieten, um der Speicherung von Nutzungsdaten zu widersprechen? Genügt die Erklärung, dass die Nutzer Cookies deaktivieren können, um (intensiver) Analyse und Identifizierbarkeit zu entgehen? Oder sind technische Lösungen wie die Widerrufsmöglichkeit des Analyseanbieters etracker der sichere Weg?

4. Dürfen ausländische, z.B. US-amerikanische Unternehmen Nutzer in Ländern analysieren, in denen anderes, strengeres Datenschutzrecht gilt? Diesbezüglich erleichtert uns die plausible Vermutung, dass Google seit dem Safe Harbour Abkommen zwischen der Bundesrepublik und den USA zur Verarbeitung von Nutzerdaten aus der EU berechtigt ist.

Wie Sie auch diesem Argument kompetent widersprechen, entnehmen Sie bitte diesem Google Analytics-Beitrag in der ZEIT.

+++Selbsterklärung+++
Aus gegebenem Anlass gestehen wir: Auch der Apparat nutzt Google Analytics. Warum? Weils kostenlos und einfach ziemlich lehrreich ist. Wir beschwören aber heilig, dass wir Ihre IPs weder speichern, noch untersuchen oder irgendwelchen anderen (Ihrer?) Daten zuordnen. Denn erstens haben wir dazu keine Zeit, zweitens keine solche Daten. Wenn überhaupt, hat sie wieder mal Google, o du unser aller negative Allmacht(sphantasie)!

ignorieren, was uns gefällt

Samstag, März 7th, 2009

Ein paar Stunden später, begreife ich, endlich lesend: Ein im Eintrag zuvor geposteter Spiegel-Link enthält Inhalte, die zur Lage des digitalen Urheberrechts vielsagend sind:

“Wenn jeder glaubt, die Gesetze ignorieren zu dürfen, die er dämlich findet, wird sich das Recht nicht weiterentwickeln, zumindest nicht in eine Richtung, die allen Bürgern nützt. So interessante Reformideen des Urheberrechts wie die Kulturflatrate hatten mangels Öffentlichkeitsdruck niemals eine echte Chance darauf, auch nur ein Gesetzentwurf zu werden.
Obwohl die Mehrheit der Bundesbürger Medienkonsumenten sind, hat hierzulande keine Partei die große Debatte geführt, wie ein neues Urheberrecht die Interessen von Produzenten und Machern internetgerecht neu austarieren kann.”

Und ob ein Link nun etwas enthält, aktiviert oder impliziert, oder ob er eben nur darauf verweist, beschäftigt mich die nächste Stunde.

Ende der Stille

Freitag, Oktober 3rd, 2008

Während der Sommer in Sturzbächen vor die Hunde geht, treffen sich Urheber und Verwerter zu regelmäßigen Arbeitssitzungen vor Gericht.

Von Urlaubsgedanken noch leicht entrückt, hält der Apparat folgende herzbstzeitlosen Strömungen fest:

BGH kippt Urheberrechtsabgaben für Computer

Einsatz von Google Analytics nur mit Datenschutzhinweis rechtmäßig

Bundesrat fordert mehr Datenschutz beim elektronischen Einkommensnachweis

Diskussion um Kosten für die elektronische Gesundheitskarte

Grob vereinfachend, erkennen wir den ewigen Kampf um Kosten und Verfahren zur Erfassung und Verrechnung von Informationen (Wissensdaten), die entweder höchst persönlich und oder zum allgemeinen Genuss bestimmt, aber jeweils sehr schützenswert sind. Sowie um technische Standards, die Produktion (=Sammlung) und Konsumtion (Abruf, Zugriff) ermöglichen oder einschränken.

Soweit waren wir längst, ist klar. Doch wenn selbst Nachrichtensprecher ihre Rede Google-optimieren, darf der Apparat nicht abseits stehen. Es könnte ja sein, dein Freund hört mit und hilft. Auf welcher Basis und zu welchem Preis, eigentlich [GOTO 3]?

Die fünfte Revolution

Sonntag, März 9th, 2008

Es ist Sonntag, recht warm, aber eigenartig diesig. Man könnte Tagträumen. Wie Steve Ballmer auf der Cebit zum Beispiel. Seine fünfte Revolution, die natürlich kurz bevorsteht, werde mindestens vier Grundfeste des öffentlichen Lebens verändern:

Erstens den Ort, denn wir werden immer mobil und trotzdem anwesend sein. Wenns sein muss, per Hologram.

Zweitens die Identität. Da Bits und Bytes über alles Bescheid wissen werden, was das (ergo dein oder mein) Herz begehrt.

Drittens die Zeit: Informationstechnik wird unser Gedächtnis und unsere digitalisierte Vergangenheit.

Viertens die Macht, denn über das Bauprojekt im Nachbardorf wird direkt und ohne Zeitverzug mit der Politik gerungen, und eine Protestbewegung per Knopfdruck ausgelöst.

Soweit, so viel und so wenig. Aggregiere Innovationen und ruf ein neues Zeitalter aus. Martialischer denkenden Beobachter warnen lieber vor dem Cyberkrieg, während Google sein neues Handy präsentiert.

Auf dass ein jeder die Waffe mit sich trage, die später auf ihn gerichtet wird. Oder geht es vielmehr um Liebe, die fünfte Kraft? “Auch gute Freunde wird man [..] bald nicht mehr ohne die elektronischen Medien kennenlernen. Vergilbten Fotoalben voll nostalgischer Schwärmerei durchzublättern wäre dann passé.”

Zum Glück werden wir auch angesichts mancher Schnappschnüsse auf Myspace nostalgisch, während wir all dieser fiesen Halunken nicht mehr Herr werden, die irgenwo irgendwelche unschmeichelhaften Bilder von uns veröffentlichen. Dein Pech, o sinnsuchender Reisender, wenn du hinschaust, wo du nicht wilkommen bist.

Es wird Frühling, und wir sehen wieder mehr.

kulturhoheit revisited

Montag, Oktober 2nd, 2006

Der Apparat muss sich ändern. Übermorgen beginnt in Frankfurt die Buchmesse, und ich habe Brückentag. Während EU-Kommissarin Reding die US-Regierung für ihren neuen Vertrag mit der ICANN lobt, fürchten Buchhändler seit Google nur noch einen Gott.
Den einen liegen WHOIS-Registratur und Regierung zu nah, und sie wollen weiter privatisieren. Derweil wünschen sich andere endlich wieder nur eine Telefonnummer.

Hat uns das was zu sagen? Gibt es einen Zusammenhang? Und in welche Kategorie gehört “Internet Governance“?

Der Apparat wird sich ändern. Urheber und Quellen sind das eine. Politik und Kultur ein anderes. Konsum und Technik mittendrin. Nachrichten erscheinen wie Kaufakte – spontan und unberechenbar. Was wir da machen: klagen wie Updike in Cicero oder protestieren wie die Schweizer?

Wenn mir was einfällt, heb ich ich es auf.

Intellectual Property Rights: Wissen, Kultur und der Markt

Sonntag, November 27th, 2005

Zur Abwechslung mal etwas Theorie: die kulturhoheit beobachtet, wie der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnologien die Strukturen verändert, in denen Wissen und Kultur produziert, distribuiert und konsumiert wird.

Der Apparat protokolliert Kommunikation, die diesen Prozess kommentiert und konstituiert: Presseberichte und Dokumente über technische und wirtschaftliche Entwicklungen, politische und rechtliche Entscheidungen. Ereignisse auf den Märkten für Information, in den Laboren des Wissens, in Organisationen und Institutionen sowie in der Kultur, die eine Gesellschaft beschreibt.

Also untersuchen wir die Mikrostrukturen der Wissensproduktion in den Makrostrukturen der Wissensverteilung. Oder umgekehrt? Jedenfalls stoßen wir permanent auf ein Paradox: Wissen wird als Rohstoff benötigt und als Endprodukt gehandelt. Wissen, selbst eine wichtige Voraussetzung für das Funktionieren des Marktmodells, ist gleichzeitig Ware. Informationen sind Voraussetzung und Folge, Umwelt und System zugleich. Das klingt irgendwie zirkulär.

International gültige geistige Eigentumsrechte (Intellectual Property Rights, IPR) sollen es richten. Neue Grenzen sind zu ziehen, neue Verfahren zu etablieren und neue Gremien zu schaffen, die zwischen den Ansprüchen auf öffentliche Verfügbarkeit und private kommerzielle Verwertbarkeit vermitteln. Wenn Wissensergebnisse und Techniken der Wissensproduktion zu marktfähigen Produkten werden, bedarf es der Bewertung des Wissens in Form einer einheitlichen Ordnung und messbaren Hierarchie – Gesetze und Preise zum Beispiel.

Nur drei Stunden spielen

Sonntag, August 28th, 2005

Chinas Regierung hat ein System entwickelt, dass Online-Spieler vor der Sucht bewahren soll. “Wer länger als drei Stunden spielt, muss in Kauf nehmen, dass die Fähigkeiten seiner Spielfigur stark nachlassen”, berichte heise.de

Hat das was mit Digital Rights zu tun? Oder Security? Der Apparat vermutet, schon.