Beobachtungen im Bereich 'Copyright'

Standardargumente der Ideologiekritik

Mittwoch, Mai 9th, 2012

Der Argumente sind genug gewechselt, jetzt geht’s an die Arbeit.

Ähnliches könnte meinen, wer Stefanowitsch’ offenen Brief an die Contentindustrie liest. Lasst uns also taxieren, was Offenheit genau kostet:

Merke: “Weder die Funktionalität eines Computerprogramms noch die Programmiersprache oder das Dateiformat, die im Rahmen eines Computerprogramms verwendet werden, um bestimmte Funktionen des Programms zu nutzen, [sind] eine Ausdrucksform dieses Programms.”

Wie war das noch gleich, Kathrin Passig? Wenn was Neues kommt, sind wir entweder unbegründet skeptisch oder im Aufstieg zu überschwenglich gestimmt.

Und nach dem Radiergummi suchen wir weiterhin.

Amerikaner und andere ACTAnden

Sonntag, Februar 5th, 2012

Trotz klirrender Kälte geht’s heuer heiß her. Nach dem vorerst erfolgreichen Widerstand gegen SOPA und PIPA in den USA begehrt unser mutiger östlicher Nachbar Ähnliches.

Die Gegner des europäischen Anti-Fälschungsabkommens müssen sich warm anziehen und sputen. Am besten telefonieren wir unsere Parlamentarier in Europa gemäß eines Gesprächsleitfadens der Digitalen Gesellschaft ab.

Ihr habt besseres zu tun, zum Beispiel Videos gucken oder alte Musikdateien verhökern? Dann aber Obacht, denn das elektronische Weiterverkaufen digitaler Dateien mit eingeschränkten Nutzungsrechten gerät unter paradoxen juristischen Beschuss, wie Googles Anwälte konstatieren:

“The present motion argues that the first sale doctrine—which permits the owner of a lawfully-made copy or phonorecord to sell it without needing the copyright owner’s permission—cannot apply to this case because no material objects change hands. But it also argues that ReDigi infringes Capitol’s exclusive right to ‘distribute copies or phonorecords’, despite its admission that no material objects are distributed. Either both provisions apply, and ReDigi’s service may be protected by the first sale doctrine, or neither applies, and ReDigi’s service does not infringe the distribution right.”

Also lieber wieder, wie meistens bis immer, bei Suchmaschine Eins und Facebook verbleiben? Ich habe letzte Woche mindestens zwei Mal Googles aktualisierte Datenschutzbedingungen akzeptiert – und werde es als Multiuser vermutlich wieder tun (müssen). Zum Glück sind meine amerikanischen Stasi-Cookies gar nicht so schlau, wie gedacht.

Wenn sich dann Microsoft als Patron seiner immerhin zahlenden Kundschaft inszeniert, seid gewarnt: Das könnte ein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Denn früher oder später schleift sich jeder Sündenfall in unsere Zuckerberg’sche Chronik ein.

Tracking und harvesting – Zwischenbericht

Sonntag, Juli 10th, 2011

Am neuen Stützpunkt angekommen, beobachten wir: Irgendwer sieht immer irgendwas. Neuerdings ich, wie Websites meine Routen durchs Netz tracken – dem Firefox Add-on Collusion zum Dank.

Wenns nach der GEMA, der GVU, dem Börsenverband des deutschen Buchhandels und weiteren Verlagsverbänden geht, müssen Provider sofort wieder massig Nutzerzugriffsdaten bevorraten, um geistiges Eigentum besser zu schützen.

Quasi automatisch soll eine unabhängige Stelle mittels eines Systems aus Warnhinweisen und Sanktionen Urheberrechtsverletzungen aufspüren und ahnden. Nach all den Blockaden – GEMA goes on air?

Sammeln und sammeln lassen, ist wohl die Devise. Während Google Plus, soeben angelaufen, schon mit Speicherproblemen kämpft, ernten andere mit Antennenbasteleien Strom auf der WLAN- und Hochfrequenzsuppe.

Meine, deine Daten schaffen dank Mining einen neuen Wert. Denn auch Hardware gibt es mittlerweile als Open Source.

Smart schützen, Allianzen nützen

Freitag, Mai 6th, 2011

Weilen des Übergangs treiben in die Arme des Bewährten. Also schauen wir mal, welche Wirkung die allgemeine Verfügbarkeit von Wissen laut Gunter Dueck auf die Berufe hat (etwa ab 22:00 Min. im Video unten):

Weil nicht nur das iPhone permanent Nutzerdaten speichert, schießen sich Datenschützer und Behörden auf Smartphones ein.

Kaum wird auch Google wegen Android verklagt, will Apple sein neues iOS weniger geschwätzig machen. Unterdessen verdoppelt Apple seinen Marktanteil, und Android überholt als Betriebssystem die Vorbildmutter.

Lass uns den Tatsachen ins Auge sehen: In Zukunft werden sehr viel mehr wertvolle Daten jederzeit und überall zur Verfügung stehen. Und wir werden streiten, für wen. Man kann entweder kapitulieren oder dagegen anschreiben. Oder Initiativen wie diese bemühen:

  1. für die Umkehr der Beweislast bei Datenlecks (Digitale Gesellschaft)
  2. gegen standardisierte Datenschutzfunktionen in Browsern (Facebook, Google, Yahoo und diverse Wirtschaftsverbände)
  3. für oder gegen die überstürzte Unterzeichnung eines Copyright-Abkommens (ACTA)
  4. diesen Tag gegen DRM (Free Software Foundation)
  5. alternative Ausgleichssysteme wie Flattr und die Kulturwertmark weiterentwickeln

O kritischer Geist beachte: Punkt 3-5 zielen auf geistiges Eigentum, die letzten beiden auf Daten für jeden.

Lamebook vs. Turboload

Sonntag, November 28th, 2010

Schluss jetzt mit Facebook! Wie der fachkundige Prof. Scheer vom Bitkom in Sachen Street View feststellt, überziehen datenschutzrechtliche Ängste oft irrational. Gleichzeitig überschätzen wir den Herdentrieb – zumindestens was den so genannten sozialen Einfluss auf Kaufentscheidungen angeht.

Moment Mal, unsere Daten sind safe und soziale Netzwerke marketingtechnisch ineffizient? Es kommt darauf an, was wir geben wollen und zu nehmen erwarten. Sowie darauf, wer Publisher und wer Nutznießer ist.

Die amerikanische Justiz jedenfalls befand unerlaubte Downloads von SAP-Mitarbeitern auf ORACLEs Support-Webseiten mehr als 1 Milliarde Dollar wert. Von einem ähnlichen Schutzinstinkt für immaterielle Güter beseelt, winkte das EU-Parlament das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA durch.

Will wohl wieder heißen: Wer Rechte reklamieren will, muss ein Geschäft modellieren. Wie jener Anwalt aus West Virginia, der es mit über 16.000 Urheberrechtsklagen innerhalb von 14 Tagen zum “copyright litigation champion” der USA schaffte. Zwischenzeitlich vermutlich, denn schon oft lag nur das frühe Gold des Webs in der Pornographie.

Ahnung und Intention (Sommertheater)

Samstag, August 7th, 2010

In geruhsamen Tagen geben sich Akteure gerne ahnungslos.

Google-Justiziar Arnd Haller etwa hält eine Presse-GEZ für schlicht absurd, da doch niemand Inhalte ins Netz stellen und verlinken müsse, wenn er das nicht möchte.

Und auch Pentagon-Sprecher Geoff Morrell meint einfach, dass die Weitergabe geheimer Unterlagen an ein gemeinfreies Informationssportal wie WikiLeaks NICHT rechtens sei.

wave_logo_labs

Beide habe gute Argumente für ihre Standpunkte. Monetäre und politische Interessen ebenfalls.

Trotzdem lernen wir im Vergleich der Verfahren zur Software-Patentierbarkeit in Ozeanien und Deutschland: Selbst das eingeleitete Ende der Netzneutralität und das Scheitern einzelner Erfindungen definieren die Situation als ganze abschließend bisher nicht.

Dummdenken in Echtzeit

Sonntag, April 4th, 2010

Der März verstrich – nicht ohne Spuren. Ab sofort ist Google eine Art Meta-Twitter, wobei leider das Soziale des Netzwerks in der Suchmaschine verloren geht. Und wenn Google das Web in Echtzeit rankt, wird es Zeit für Realtime-SEO.

Quo vadis, Nutzer des Internets? Vermag dein bestes Denken seine Polykontextualität lenken, wie Jürgen Kuri fordert? Oder entwickeln wir uns dreist zu Dumm 3.0, wie Markus Reiter vermeint?

Microsofts best geklicktes Blau

Nicht nur am Rande erscheint erwähnenswert, wie der neue schnelle LTE Mobilfunkstandard arbeitet, nämlich ähnlich dem Internet-Protokoll (IP), wie “ein selbstorganisierendes Netzwerk: Neue Funkzellen werden aufgebaut und eingeschaltet, [...] Die umliegenden Zellen bemerken den neuen Kollegen und senken ihre Leistung. Fällt eine Zelle mit einem Defekt aus, wird sie automatisch aus dem System herausgenommen, und die Nachbarstationen erhöhen ihre Sendeleistung.” Jedoch wenn Millionen Nutzer um über 1000 parallele Frequenzkanäle – analog Webservern – konkurrieren, kann es eng werden im Band. Dann schlägt Quality of Service die Netzneutralität?

Bevor wir darin zu viel erkennen, lasst uns zu Ostern ergötzen am best je geklickten Blau, welches Microsoft vor kurzem (er)fand. Ob dies schütz- und patentierbar ist, wurde nicht notiert.

Alle gegen Google

Samstag, Januar 23rd, 2010

Wir machens alle, daher nur eine kurze Übung Google Bashing…

Die Verleger, das Kartellamt, die Ministerin Leutheuser-Schnarrenberger und die französische Justiz kämpfen gegen Google. Der berühmte Soziologe Richard Sennett zieht sogar Parallelen zur Stasi.

Nur eine hat keine Bedenken, die EU-Komission.

Suchergebnisschnippsel (Snippets), AdWords und AdSense (Webseiten-Werbe-Vermarktung), Monopolstellung hin oder her. Es liefert bei der nächsten Suche Ihre Treffer wer?

Grundregeln und Geheimverträge

Dienstag, Dezember 22nd, 2009

Mit der Veröffentlichung neuer EU-Richtlinien zur Regulierung von Kommunikationsnetzen im EU-Amtsblatt treten neue Grundsätze zum Internet-Zugang, Daten- und Verbraucherschutz in Kraft.

Nun ist die Frage wie immer: Was kommt hinten – im Recht der Einzelstaaten – raus, wenn schon die Richtlinien salomonisch klingen?

Zwei Beispiele zum Nachdenken:

  1. Erwiderung auf Copyright-Verstöße, S. 15: “Die Richtlinie 2002/22/EG (Universaldienstrichtlinie) fordert weder von den Anbietern gemäß dem nationalen Recht auferlegte Bedingungen, die den Zugang zu und/oder die Nutzung von Diensten und Anwendungen durch die Endnutzer einschränken, noch verbietet sie diese, begründet jedoch eine Verpflichtung zur Bereitstellung von Informationen über solche Bedingungen.”
  2. Datenpannen und Cookies, S. 34: “Daher ist es von größter Wichtigkeit, dass den Nutzern eine klare und verständliche Information bereitgestellt wird, wenn sie irgendeine Tätigkeit ausführen, die zu einer solchen Speicherung oder einem solchen Zugriff führen könnte. Die Methoden der Information und die Einräumung des Rechts, diese abzulehnen, sollten so benutzerfreundlich wie möglich gestaltet werden.
    Wenn es technisch durchführbar und wirksam ist, kann die Einwilligung des Nutzers [...] über die Handhabung der entsprechenden Einstellungen eines Browsers oder einer anderen Anwendung ausgedrückt werden.”

(Alle Passagen aus: EU-Dokument PE-CONS 3674/09)

Weil das alles im Fluss ist und auch nicht reicht, bastelt die EU parallel am Anti-Piraterie Abkommen ACTA (Anti-Counterfeiting Trade Agreement). Der geplante multilaterale Vertrag zwischen Handelsnationen soll gemeinsame Maßnahmen zum Schutze von Marken-, Patent- und Urheberrechten koordinieren. Allerdings ist unklar, was genau auf dem Verhandungstisch liegt.

Bezüglich der Analogiefähigkeit falscher Viagrapillen, bedrohter Kulturgüter und Software-Entwicklungen schließen wir uns gerne der Urheberrechtsexpertin Annette Kur vom Münchner Max-Planck-Institut für Geistiges Eigentum, Wettbewerbs- und Steuerrecht an, die heise.de wie folgt zitiert: “Ich halte es für unangemessen und gefährlich, wenn die Sorge über gefälschte und gesundheitsschädliche Medikamente oder minderwertige Ersatzteile als Argument dafür eingesetzt werden, die Maßnahmen zur Durchsetzung des Geistigen Eigentums ganz allgemein zu verschärfen”. (Präsentation von Prof. Kur als PDF.)

Bleiben wir also gespannt und schauen regelmäßig nach dem Stand der ACTA-Verhandlungen. Beim letzten Klick ging es dort ausgerechnet um Bananen.

Nicht sinken, kopieren, patentieren?

Samstag, November 28th, 2009

Nach dem langen Geschwurbel im Vorbeitrag schmücken wir uns kurz mit fremden Federn…

Die Zahl der Wikipedia-Autoren sinkt NICHT kontinuierlich, behauptet Wikimedia, obwohl Felipe Ortega in seiner Thesis Freiwilligen-Schwund verzeichnet und das Palo Alto Research Center leicht abschüssige Wellen anzeigt. Wesentlich sicherer als diese Zahl ist sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in der Behauptung, ein Recht auf Privatkopie bestehe NICHT. Und der britische High Court of Justice urteilt, dass elektronische Programmführer an und für sich per Softwarepatent NICHT schützbar sind.

Ortega Wikipedia UNIVERSIDAD REY JUAN CARLOS

Angesichts derart nuancierter Streitereien flüchten wir auf Kulturseiten und ventilieren auf’s Neue: Sind Internet-technische Entwicklungen “Nebenprodukte einer besonderen Kombination ökonomischer Kräfteverhältnisse” (Nicholas Carr in der ZEIT), oder bereichern die durch Soziale Netzwerke und Web 2.0 entstandenen Neuen Öffentlichkeiten die “plurale Vielfalt unserer Gesellschaft” (Stefan Münker im SPIEGEL)?