Beobachtungen im Bereich 'Theorie & Methodologie'

Konstruktive Politik der großen Daten

Sonntag, März 24th, 2013

Dass ich vergreise, ist mir spätestens seit letzter Woche klar. Facebook-Nutzer inzwischen im Median 38,7 Jahre alt, damit nur noch 5,4 Jahre jünger als die Deutschen. Und wir genau mittdendrin.

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Derweil verraten die Daten immer mehr, vom Abkehrwillen der Mitarbeiter bis zu Neigung und Gesinnung. Die Zeit ist reif für eine kleine Verzweigung in Sachen Transparenz:

Wie ungewöhnlich politisch dieser Sonntag scheint. Ist Internet die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln? Wir beobachten, dass Wirtschaft, Poltik und Öffentlichkeit sich durch die eingeladenen Agenten des Netzes rekonfigurieren. Dasselbe Hauen und Stechen, nur schneller und steigend komplex.

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Alle jederzeit haben und wissen zu können, ist das alte oder neue Qualität? Und welche Geige spielt Echtzeit in diesem Konzert? Entschuldigung, jetzt hab ich schon wieder den Lobo bemüht.

SSL-Meltdown und Funk-Allmende

Sonntag, April 10th, 2011

Die Kanäle sind knapp, und Sicherheit ist selten. Deshalb ringen Unternehmen und Netzbürger um Bandbreiten sowie um das Gelingen ihrer Online-Transaktionen.

Neulich musste der Online-Trust-Anbieter Comodo einräumen, dass vermutlich ein einzelner iranischer Hacker durch Angriffe auf die verteilte Serverinfrastruktur des Anbieters unberechtigterweise in der Lage war, SSL-Zertifikate für Domains wie Google, Yahoo und Mozilla auszustellen. Da diese Zertifikate eigentlich Sicherheit in die digitale Kommunikation bringen sollen, sprach die Presse in Anlehnung an das havarierte Kernkraftwerk Fukushima prompt von einem SSL-GAU, also der Kernschmelze des SSL-/TSL-Protokolls.

Parallel werkeln Ingenieure an Software-basierten Funktechniken, welche die zunehmende Funkdichte dadurch entschärfen, dass sich Endgeräte wenig genutzte Frequenzen teilen. Das Konzept einer Funk-Allmende basiert auf dem Prinzip der “opportunistischen Frequenznutzung”: Per Abfrage einer oder mehrerer Datenbanken erfahren so genannte Cognitive Radios, auf welcher Frequenz sie senden und empfangen dürfen, bevor und während sie das tun.

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Was das eine mit dem anderen gemein hat? Gelingende Kommunikation erfordert Übereinkünfte, die alle Teilnehmer zweifelsfrei voraussetzen.

Die Abwehr vor gefälschten SSL-Zertifikaten erfordert laut Heise entweder a) die Absicherung der Zertifizierung durch Domain-Registrare wie die DENIC oder b) die kollektive Echtheitsprüfung von Zertifikaten über so genannte Notar-Server.

Auch auf der Funk-Allmende grasen wir nur genüsslich, wenn Regierungsorganisationen wie die amerikanische Federal Communications Commission (FCC) oder das European Telecommunications Standards Institute (ETSI) Frequenzbänder für die gemeinsame Nutzung reservieren und Körperschaften autorisieren, entsprechende Frequenzdatenbanken zu betreiben.

Und damit der Hund sich nicht den Schwanz abbeisst, müssen wir jedes Mal entscheiden, wen wir zu Richtern und zu Notaren machen, und austarieren, ob wir tendenziell eher der Hierarchie oder dem Kollektiv vertrauen.

Elektronische Zerstreuung

Sonntag, Juni 13th, 2010

Der Sommer ist da, doch kein Tag vergeht, ohne dass vernetzte Informations- und Kommunikationssysteme jemanden überfordern. Im Rahmen ihrer (gefüllt sein wollenden!) Themenseite “Digitales Denken” überschreibt etwa die FAZ das Aufeinandertreffen der Webpioniere Berners-Lee und Ray Kurzweil auf dem Zukunftsforum in Dresden mit einer generellen Unerklärlichkeit der Wirkung des Internets.

Da habt ihr den Salat: Elektronische Daten sind da, vermehren sich rasend und vernetzen sich weiter. Ein Phänomen, dessen Entstehung der verehrte Soziologe Dirk Baecker mit Marshall McLuhan in das 19. Jahrhundert datiert: “Elektrizität, so Marshall McLuhan, heißt Instantaneität, heißt weltweiter Signalaustausch in Lichtgeschwindigkeit.”

Und schnelle Signale schlagen Wellen: “Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden.” Die “nächste Gesellschaft” erfordert also neben Internet-Zugang (Passwort-gesichert?) und Facebook-Account (Privatsphäre-geschützt?) neue Wege zur “Überprüfung von Weltmisstrauen”.

Mit der Schrift erfanden Griechen die Philosophie, die frühe Neuzeit mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle. Und was erfinden wir? Den Flashmob vielleicht – als eine spontane Verabredung zerstreuerischer Tätigkeiten, wie diese größere Wasserschlacht oder jene nächtliche Party …?

Dummdenken in Echtzeit

Sonntag, April 4th, 2010

Der März verstrich – nicht ohne Spuren. Ab sofort ist Google eine Art Meta-Twitter, wobei leider das Soziale des Netzwerks in der Suchmaschine verloren geht. Und wenn Google das Web in Echtzeit rankt, wird es Zeit für Realtime-SEO.

Quo vadis, Nutzer des Internets? Vermag dein bestes Denken seine Polykontextualität lenken, wie Jürgen Kuri fordert? Oder entwickeln wir uns dreist zu Dumm 3.0, wie Markus Reiter vermeint?

Microsofts best geklicktes Blau

Nicht nur am Rande erscheint erwähnenswert, wie der neue schnelle LTE Mobilfunkstandard arbeitet, nämlich ähnlich dem Internet-Protokoll (IP), wie “ein selbstorganisierendes Netzwerk: Neue Funkzellen werden aufgebaut und eingeschaltet, [...] Die umliegenden Zellen bemerken den neuen Kollegen und senken ihre Leistung. Fällt eine Zelle mit einem Defekt aus, wird sie automatisch aus dem System herausgenommen, und die Nachbarstationen erhöhen ihre Sendeleistung.” Jedoch wenn Millionen Nutzer um über 1000 parallele Frequenzkanäle – analog Webservern – konkurrieren, kann es eng werden im Band. Dann schlägt Quality of Service die Netzneutralität?

Bevor wir darin zu viel erkennen, lasst uns zu Ostern ergötzen am best je geklickten Blau, welches Microsoft vor kurzem (er)fand. Ob dies schütz- und patentierbar ist, wurde nicht notiert.

Neutrality and maoism left

Sonntag, Januar 17th, 2010

Allem Erfolg liegt ein Scheitern inne. Diese kühne These erlaubt den Brückenschlag zwischen drei Aspekten digitaler Kultur:
- Zugang und Leitung
- Eigentum und Entlohnung
- Privatheit und Öffentlichkeit

Versuchen wir die behauptete Diagnose der Lage Anfang des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends:

  1. Netzneutralität, also die gesicherte Möglichkeit, im Internet alles gleichartig (und gleichzeitig) vorzufinden, ist in der Krise.
  2. Copyleft: Ansprüche an Eigentum und Vergütung von Wissen befinden sich seit Durchbruch des Webs in einer permanenten Revolte.
  3. “Was du nicht willst, dass der andere weiß, das lasse lieber sein.” Die Grenze zwischen traditioneller Privat- und Allgemeinheit wackelt und bewegt sich.

Befragen wir die Avantgarde in der FAZ:

  • Jaron Lanier beklagt, dass ein “Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten.” So komme es “unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.”
  • Geert Lovink geißelt “eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde.” Erst als das Netz “von der Unternehmenskultur schon übernommen worden war, kamen die technischen Möglichkeiten, es ästhetisch fortzuentwickeln. Eigentlich hätte dieser Prozess komplett umgekehrt verlaufen müssen. Erst die Avantgarde und dann die unternehmerische Umsetzung.”

Denken wir nach: Was kommt, was wird gewesen sein? Was IBM vor Jahren prognostizierte? Stimmen Sie ab!

Der Apparat befürchtet, am Ende wird abgerechnet. Vielleicht mit einem Mikrozahlungssystem à la Lanier: “Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen.”

All Datenpakete are created equal

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

Zum Jahresende geht’s um Politik. Denn spätestens seitdem Dirk von Gehlen zu Weihnachten in der Süddeutschen die Aufnahme des Krieges mit anderen Mitteln anmahnte, schlägt auch bei den letzten ein: Administrative und rechtliche Entscheidungen über kommunikationstechnische Netzwerke sind politisch und verändern bisweilen die Machtverhältnisse.

Anstelle der Frage Frage, warum das alles so kompliziert ist, sollten wir uns also fragen: “Soll das Internet so bleiben, wie wir es kennen”, ergo
- frei = netzneutral,
- gleich = interoperabel,
- brüderlich = gerecht geteilt
?

Was der revolutionäre Prozess der Digitalisierung wohl mit sich bringt?

Und Moment, von welchen Rechtssubjekten reden wir?

Sehen Sie klar? Der Wikipedia-Nutzer “Weißbier” ist ein Löschfreak. Woher wir das wissen? Aus der Relevanzdebatte über Wikipedia.

Nicht sinken, kopieren, patentieren?

Samstag, November 28th, 2009

Nach dem langen Geschwurbel im Vorbeitrag schmücken wir uns kurz mit fremden Federn…

Die Zahl der Wikipedia-Autoren sinkt NICHT kontinuierlich, behauptet Wikimedia, obwohl Felipe Ortega in seiner Thesis Freiwilligen-Schwund verzeichnet und das Palo Alto Research Center leicht abschüssige Wellen anzeigt. Wesentlich sicherer als diese Zahl ist sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in der Behauptung, ein Recht auf Privatkopie bestehe NICHT. Und der britische High Court of Justice urteilt, dass elektronische Programmführer an und für sich per Softwarepatent NICHT schützbar sind.

Ortega Wikipedia UNIVERSIDAD REY JUAN CARLOS

Angesichts derart nuancierter Streitereien flüchten wir auf Kulturseiten und ventilieren auf’s Neue: Sind Internet-technische Entwicklungen “Nebenprodukte einer besonderen Kombination ökonomischer Kräfteverhältnisse” (Nicholas Carr in der ZEIT), oder bereichern die durch Soziale Netzwerke und Web 2.0 entstandenen Neuen Öffentlichkeiten die “plurale Vielfalt unserer Gesellschaft” (Stefan Münker im SPIEGEL)?

Technik nicht zeitgemäß

Samstag, Mai 23rd, 2009

Und wir staunten nicht schlecht, als wir uns zurück in die Tiefen des Streits um die Patentierbarkeit computertechnischer Erfindungen begaben.

Was meint etwa der Siemens? “Ein rein auf die reale Welt reduziertes Technikverständnis ist nicht mehr zeitgemäß”. Wir sind verzückt, würden aber nicht soweit gehen, bereits “die ausdrückliche Verwendung eines Computers” als “in der Tat ein technisches Merkmal” zu sehen, “das einen Anspruch theoretisch dem Patentschutz zugänglich macht”.

Mit Wikipedias Umkreisung des Begriffs “Softwarepatent” rekapitulieren wir: Das deutsche Patent muss neu und ungewöhnlich sein und vor allem einen technischen Beitrag leisten. Naturgesetze, physisch manipulieren und so.

Die große Rechenmaschine hingegen spult nur ab: Sequenzen von Differenzen im Medium der Ideen oder der Sprache, wie Free Software-Vertreter und andere Mittelständler aus leidlicher Erfahrung wissen. Angesichts derart spitzer Theorie murrt der Maschinenraum: Erfindung ist Schwerindustrie, Code-Schöpfung nur Dichtung?

Mitnichten, sagt jener Franzose, der die Unterscheidung von Sozial und Material im großen Netzwerk und in Auflösung befindlich entdeckte: Da gibt es “keinen bevorzugten Typ sozialer Aggregate, eine endlose Zahl von Mittlern, und wenn diese in getreue Zwischenglieder verwandelt werden, so bildet das nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme, die durch irgendeine zusätzliche Arbeit erklärt werden muss” (Bruno Latour, 2007: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp)

Höchstrichterlich

Samstag, Mai 16th, 2009

“Jeder Bürger muss die zentralen Schritte der Wahl ohne besondere technische Vorkenntnisse zuverlässig nachvollziehen und verstehen können”, fordert das Bundesverfassungsgericht.

Ein hehrer Anspruch. Muss der Privatanleger also wissen, wie komplexe Finanzderivate funktionieren, die seinem Anlegerglück zugrunde liegen oder im Wege stehen? Nein, es geht um Politik. Das Gefühl für die missliche Lage, dass der ganz persönliche Wille nur einer von vielen ist.

Wir rekapitulieren: Das Öffentlichkeits- und das Geheimhaltungsprinzip gebieten, dass Wählen für jeden verständlich sein und gleichzeitig Privatsache bleiben muss. Open Source und Privacy etwa?

Wahlmaschinen sind nicht zulässig. Es soll nur jeder wählen können, auch wenn er nicht Computer spielt. Wir könnten’s einfacher haben.