Beobachtungen im Bereich 'Theorie & Methodologie'

Eigentum am Entgleiten

Sonntag, August 10th, 2014

Das letzte europäische Urteil zum so genannten “Recht auf Vergessen” erhitzt weiter die Gemüter. Und verwirrt die Geister. Sascha Lobo bemerkt immerhin scharfsinnig, dass Vergessen Gewußthaben voraussetzt und Daten (Informationen) auch dann weiter gespeichert und auffindbar bleiben, wenn Google sie auf privaten Antrag in den Suchergebnissen unterdrückt.

So begibt sich zu der Zeit, dass windige Suchmaschinenoptimierer (die Branche spricht von Black Hat-SEOs) Betreiber von Blogs wie diesem anschreiben und auffordern, sie mögen bitte schleunigst die von den Profi-Linkbuildern einst selbst unlauter eingeschmuggelten Backlinks (Blogkommentar-Spam) entfernen. Wenn die Blogger nicht spuren, drohe die Abwertung ihrer Stellung im Suchergebnisstau zum Glück.

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Verkehrte Welt. Können wir die wenigstens kalkulieren, etwa mit den Modellen der Wirtschaftswissenschaften? Ockenfels meint, ja die Spieltheorie hilft.

Ob ein nicht-menschlicher Sichselbstfotografierer die Urheberschaft an seinem Selfie nicht begründen kann, wie Wikipedia meint und damit dankenswerterweise diesen oben abgebildeten lustigen Affen vergemeinschaftet, verweist auf andere schwierige Entscheidungen.

Das mit dem (Recht auf ein dummes) Selbstbild (und an diesem) ist sowieso eine recht heikle Sache.

Reclaiming the Future (wie es euch gefällt)

Sonntag, Juli 13th, 2014

Nachdem sehr „dumme“ US-Spione und eine weise deutsche Löschverpflichtung die Google-Angst zwischenzeitig etwas lösen konnten, strecken kriegerische Amazonen uns ihre gierigen Schlünder furchterregender entgegen.

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Amazon, Facebook, Google, NSA – all die Vögel sind schon da und bleiben. Und wahrscheinlich bewirken die neuen Löschpflichten für Google, wie Rechtsanwalt Thomas Stadler stellvertretend befürchtet, gerade das, was “die Netzgemeinde” bei Internet-Sperren (zur Abwehr illegaler Downloads und sonstigem Schmutz) grundsätzlich befürchtet: Dass der Staat den Zugang zu Inhalten “im Internet“ kontrolliert.

Angesichts wahr werdender Horrorvisionen kommt uns – der latent kritischen Masse unphilosophisch Überlebender – ein überraschend zum Netzkritiker mutierter Cyberspace-Pionier, Atari und Microsoft-Mitarbeiter Jaron Lanier gerade recht – und kann sich für seine kompakten Zukunftsvisionen gleich den Friedenspreis des deutschen Buchhandels abholen:

“Wir schaffen gerade eine feudale Gesellschaft, in der die Schlösser die größten Computer sind. Jeder, der so einen besitzt, kann das Verhalten von allen anderen lenken und bestimmen. Und die Menschen werden schleichend immer ärmer. Es ist in einer soften Art genau das was in der Geschichte immer wieder bei der Konzentration von Macht geschehen ist.“

(Handelsblatt, hinter Paywall, mit Kommafehler)

Passende Reaktionen auf die gängige Katastrophik bieten außer dem unsäglichen CDU-Abgeordneten Ansgar Heveling – je nach Geschmack – der buhende Merkur oder ein kriminalistisches Smithsonian Magazin. Wenn aber klar ist, dass uns Geheimdienste überwachen und Konzerne fernsteuern, während sich Internet-Gurus aus bodentiefen Cyberfenstern in der Beletage stürzen, sollten wir Hilfe aufsuchen.

Gibt es jemanden da draußen, der die gefühlte Agonie des freien Netzes fundiert erforschen und unaufgeregt kommentieren könnte? Jedenfalls nicht in der hiesigen Sozialwissenschaft, wie eine kurze Googleabfrage b r u c h s t ü c k h a f t belegt. Die wenigen Institute erwecken einstimmig den Eindruck, über die eigene Findungsphase nicht hinausgekommen oder thematisch nach woanders abgedreht zu sein…

Die methodologischen Grundlagen fehlen. Müssen wir Schwärme, Crowds und Communities mit Ulrich Dolata akteurtheoretisch rekonstruieren oder als Computer Scientists im Rheinland-Pfälzischen die Schemastrukturen des linked Open Data Graphs simulieren?

Der Apparat vermutet beides, und dass es Sinn ergibt, diese Gedankensammelstellen im Auge zu behalten. Besuche in Harvard (Bergman Center) und Oxford (Internet Institute) sowie bei alten Bekannten der Netzpolitik gehören gewiss dazu.

Konstruktive Politik der großen Daten

Sonntag, März 24th, 2013

Dass ich vergreise, ist mir spätestens seit letzter Woche klar. Facebook-Nutzer inzwischen im Median 38,7 Jahre alt, damit nur noch 5,4 Jahre jünger als die Deutschen. Und wir genau mittdendrin.

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Derweil verraten die Daten immer mehr, vom Abkehrwillen der Mitarbeiter bis zu Neigung und Gesinnung. Die Zeit ist reif für eine kleine Verzweigung in Sachen Transparenz:

Wie ungewöhnlich politisch dieser Sonntag scheint. Ist Internet die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln? Wir beobachten, dass Wirtschaft, Poltik und Öffentlichkeit sich durch die eingeladenen Agenten des Netzes rekonfigurieren. Dasselbe Hauen und Stechen, nur schneller und steigend komplex.

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+++Ende+++

Alle jederzeit haben und wissen zu können, ist das alte oder neue Qualität? Und welche Geige spielt Echtzeit in diesem Konzert? Entschuldigung, jetzt hab ich schon wieder den Lobo bemüht.

SSL-Meltdown und Funk-Allmende

Sonntag, April 10th, 2011

Die Kanäle sind knapp, und Sicherheit ist selten. Deshalb ringen Unternehmen und Netzbürger um Bandbreiten sowie um das Gelingen ihrer Online-Transaktionen.

Neulich musste der Online-Trust-Anbieter Comodo einräumen, dass vermutlich ein einzelner iranischer Hacker durch Angriffe auf die verteilte Serverinfrastruktur des Anbieters unberechtigterweise in der Lage war, SSL-Zertifikate für Domains wie Google, Yahoo und Mozilla auszustellen. Da diese Zertifikate eigentlich Sicherheit in die digitale Kommunikation bringen sollen, sprach die Presse in Anlehnung an das havarierte Kernkraftwerk Fukushima prompt von einem SSL-GAU, also der Kernschmelze des SSL-/TSL-Protokolls.

Parallel werkeln Ingenieure an Software-basierten Funktechniken, welche die zunehmende Funkdichte dadurch entschärfen, dass sich Endgeräte wenig genutzte Frequenzen teilen. Das Konzept einer Funk-Allmende basiert auf dem Prinzip der “opportunistischen Frequenznutzung”: Per Abfrage einer oder mehrerer Datenbanken erfahren so genannte Cognitive Radios, auf welcher Frequenz sie senden und empfangen dürfen, bevor und während sie das tun.

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Was das eine mit dem anderen gemein hat? Gelingende Kommunikation erfordert Übereinkünfte, die alle Teilnehmer zweifelsfrei voraussetzen.

Die Abwehr vor gefälschten SSL-Zertifikaten erfordert laut Heise entweder a) die Absicherung der Zertifizierung durch Domain-Registrare wie die DENIC oder b) die kollektive Echtheitsprüfung von Zertifikaten über so genannte Notar-Server.

Auch auf der Funk-Allmende grasen wir nur genüsslich, wenn Regierungsorganisationen wie die amerikanische Federal Communications Commission (FCC) oder das European Telecommunications Standards Institute (ETSI) Frequenzbänder für die gemeinsame Nutzung reservieren und Körperschaften autorisieren, entsprechende Frequenzdatenbanken zu betreiben.

Und damit der Hund sich nicht den Schwanz abbeisst, müssen wir jedes Mal entscheiden, wen wir zu Richtern und zu Notaren machen, und austarieren, ob wir tendenziell eher der Hierarchie oder dem Kollektiv vertrauen.

Elektronische Zerstreuung

Sonntag, Juni 13th, 2010

Der Sommer ist da, doch kein Tag vergeht, ohne dass vernetzte Informations- und Kommunikationssysteme jemanden überfordern. Im Rahmen ihrer (gefüllt sein wollenden!) Themenseite “Digitales Denken” überschreibt etwa die FAZ das Aufeinandertreffen der Webpioniere Berners-Lee und Ray Kurzweil auf dem Zukunftsforum in Dresden mit einer generellen Unerklärlichkeit der Wirkung des Internets.

Da habt ihr den Salat: Elektronische Daten sind da, vermehren sich rasend und vernetzen sich weiter. Ein Phänomen, dessen Entstehung der verehrte Soziologe Dirk Baecker mit Marshall McLuhan in das 19. Jahrhundert datiert: “Elektrizität, so Marshall McLuhan, heißt Instantaneität, heißt weltweiter Signalaustausch in Lichtgeschwindigkeit.”

Und schnelle Signale schlagen Wellen: “Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden.” Die “nächste Gesellschaft” erfordert also neben Internet-Zugang (Passwort-gesichert?) und Facebook-Account (Privatsphäre-geschützt?) neue Wege zur “Überprüfung von Weltmisstrauen”.

Mit der Schrift erfanden Griechen die Philosophie, die frühe Neuzeit mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle. Und was erfinden wir? Den Flashmob vielleicht – als eine spontane Verabredung zerstreuerischer Tätigkeiten, wie diese größere Wasserschlacht oder jene nächtliche Party …?

Dummdenken in Echtzeit

Sonntag, April 4th, 2010

Der März verstrich – nicht ohne Spuren. Ab sofort ist Google eine Art Meta-Twitter, wobei leider das Soziale des Netzwerks in der Suchmaschine verloren geht. Und wenn Google das Web in Echtzeit rankt, wird es Zeit für Realtime-SEO.

Quo vadis, Nutzer des Internets? Vermag dein bestes Denken seine Polykontextualität lenken, wie Jürgen Kuri fordert? Oder entwickeln wir uns dreist zu Dumm 3.0, wie Markus Reiter vermeint?

Microsofts best geklicktes Blau

Nicht nur am Rande erscheint erwähnenswert, wie der neue schnelle LTE Mobilfunkstandard arbeitet, nämlich ähnlich dem Internet-Protokoll (IP), wie “ein selbstorganisierendes Netzwerk: Neue Funkzellen werden aufgebaut und eingeschaltet, […] Die umliegenden Zellen bemerken den neuen Kollegen und senken ihre Leistung. Fällt eine Zelle mit einem Defekt aus, wird sie automatisch aus dem System herausgenommen, und die Nachbarstationen erhöhen ihre Sendeleistung.” Jedoch wenn Millionen Nutzer um über 1000 parallele Frequenzkanäle – analog Webservern – konkurrieren, kann es eng werden im Band. Dann schlägt Quality of Service die Netzneutralität?

Bevor wir darin zu viel erkennen, lasst uns zu Ostern ergötzen am best je geklickten Blau, welches Microsoft vor kurzem (er)fand. Ob dies schütz- und patentierbar ist, wurde nicht notiert.

Neutrality and maoism left

Sonntag, Januar 17th, 2010

Allem Erfolg liegt ein Scheitern inne. Diese kühne These erlaubt den Brückenschlag zwischen drei Aspekten digitaler Kultur:
– Zugang und Leitung
– Eigentum und Entlohnung
– Privatheit und Öffentlichkeit

Versuchen wir die behauptete Diagnose der Lage Anfang des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends:

  1. Netzneutralität, also die gesicherte Möglichkeit, im Internet alles gleichartig (und gleichzeitig) vorzufinden, ist in der Krise.
  2. Copyleft: Ansprüche an Eigentum und Vergütung von Wissen befinden sich seit Durchbruch des Webs in einer permanenten Revolte.
  3. “Was du nicht willst, dass der andere weiß, das lasse lieber sein.” Die Grenze zwischen traditioneller Privat- und Allgemeinheit wackelt und bewegt sich.

Befragen wir die Avantgarde in der FAZ:

  • Jaron Lanier beklagt, dass ein “Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten.” So komme es “unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.”
  • Geert Lovink geißelt “eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde.” Erst als das Netz “von der Unternehmenskultur schon übernommen worden war, kamen die technischen Möglichkeiten, es ästhetisch fortzuentwickeln. Eigentlich hätte dieser Prozess komplett umgekehrt verlaufen müssen. Erst die Avantgarde und dann die unternehmerische Umsetzung.”

Denken wir nach: Was kommt, was wird gewesen sein? Was IBM vor Jahren prognostizierte? Stimmen Sie ab!

Der Apparat befürchtet, am Ende wird abgerechnet. Vielleicht mit einem Mikrozahlungssystem à la Lanier: “Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen.”

All Datenpakete are created equal

Donnerstag, Dezember 31st, 2009

Zum Jahresende geht’s um Politik. Denn spätestens seitdem Dirk von Gehlen zu Weihnachten in der Süddeutschen die Aufnahme des Krieges mit anderen Mitteln anmahnte, schlägt auch bei den letzten ein: Administrative und rechtliche Entscheidungen über kommunikationstechnische Netzwerke sind politisch und verändern bisweilen die Machtverhältnisse.

Anstelle der Frage Frage, warum das alles so kompliziert ist, sollten wir uns also fragen: “Soll das Internet so bleiben, wie wir es kennen”, ergo
– frei = netzneutral,
– gleich = interoperabel,
– brüderlich = gerecht geteilt
?

Was der revolutionäre Prozess der Digitalisierung wohl mit sich bringt?

Und Moment, von welchen Rechtssubjekten reden wir?

Sehen Sie klar? Der Wikipedia-Nutzer “Weißbier” ist ein Löschfreak. Woher wir das wissen? Aus der Relevanzdebatte über Wikipedia.

Nicht sinken, kopieren, patentieren?

Samstag, November 28th, 2009

Nach dem langen Geschwurbel im Vorbeitrag schmücken wir uns kurz mit fremden Federn…

Die Zahl der Wikipedia-Autoren sinkt NICHT kontinuierlich, behauptet Wikimedia, obwohl Felipe Ortega in seiner Thesis Freiwilligen-Schwund verzeichnet und das Palo Alto Research Center leicht abschüssige Wellen anzeigt. Wesentlich sicherer als diese Zahl ist sich Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) in der Behauptung, ein Recht auf Privatkopie bestehe NICHT. Und der britische High Court of Justice urteilt, dass elektronische Programmführer an und für sich per Softwarepatent NICHT schützbar sind.

Ortega Wikipedia UNIVERSIDAD REY JUAN CARLOS

Angesichts derart nuancierter Streitereien flüchten wir auf Kulturseiten und ventilieren auf’s Neue: Sind Internet-technische Entwicklungen “Nebenprodukte einer besonderen Kombination ökonomischer Kräfteverhältnisse” (Nicholas Carr in der ZEIT), oder bereichern die durch Soziale Netzwerke und Web 2.0 entstandenen Neuen Öffentlichkeiten die “plurale Vielfalt unserer Gesellschaft” (Stefan Münker im SPIEGEL)?

Technik nicht zeitgemäß

Samstag, Mai 23rd, 2009

Und wir staunten nicht schlecht, als wir uns zurück in die Tiefen des Streits um die Patentierbarkeit computertechnischer Erfindungen begaben.

Was meint etwa der Siemens? “Ein rein auf die reale Welt reduziertes Technikverständnis ist nicht mehr zeitgemäß”. Wir sind verzückt, würden aber nicht soweit gehen, bereits “die ausdrückliche Verwendung eines Computers” als “in der Tat ein technisches Merkmal” zu sehen, “das einen Anspruch theoretisch dem Patentschutz zugänglich macht”.

Mit Wikipedias Umkreisung des Begriffs “Softwarepatent” rekapitulieren wir: Das deutsche Patent muss neu und ungewöhnlich sein und vor allem einen technischen Beitrag leisten. Naturgesetze, physisch manipulieren und so.

Die große Rechenmaschine hingegen spult nur ab: Sequenzen von Differenzen im Medium der Ideen oder der Sprache, wie Free Software-Vertreter und andere Mittelständler aus leidlicher Erfahrung wissen. Angesichts derart spitzer Theorie murrt der Maschinenraum: Erfindung ist Schwerindustrie, Code-Schöpfung nur Dichtung?

Mitnichten, sagt jener Franzose, der die Unterscheidung von Sozial und Material im großen Netzwerk und in Auflösung befindlich entdeckte: Da gibt es “keinen bevorzugten Typ sozialer Aggregate, eine endlose Zahl von Mittlern, und wenn diese in getreue Zwischenglieder verwandelt werden, so bildet das nicht die Regel, sondern eine seltene Ausnahme, die durch irgendeine zusätzliche Arbeit erklärt werden muss” (Bruno Latour, 2007: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt/M.: Suhrkamp)