Sorgenfrei Ideen applizieren

Oktober 17th, 2010

Es wird Herbst, und das Land streitet: Gegner von Großprojekten wie Stuttgart 21 wollen als Bürger bestimmen, was mit ihren Steuern geschieht. Der Wille, ein solches Selbstbestimmungsrecht über (die eigenen) persönlichen Daten zu erlangen, kämpft mit der Komplexität, aus der die riesige Datenwolke technisch entsteht und die sie rechtlich darstellt.

So ergaben Begleitstudien des Bundesinnenminsteriums zum neuen Personalausweis (nPA), dass Sicherheitsrestrisiken natürlich existieren, und dass der elektronische Ausweis unter Akzeptanzproblemen leidet. Weshalb das Hasso-Plattner-Institut sogleich Mut macht mit seiner bunten Sammlung von Ideen für Anwendungen des nPA mit Bürgern, Bankern und Behörden.

Da sind wir ganz schnell drinnen, im Netze legitimer, da autorisierter oder kritischer bis illegaler Daten-Transaktionen. Denn was Facebook mit E-Mail-Adressen von Nicht-Mitgliedern macht, die beim Sychronisieren der Adressbücher des Mitglieds in den Friendfinder geraten, steht mit dem deutschen Datenschutzrecht auf Kriegsfuß, wie nicht nur die Bundesregierung meint.

Was passiert, wenn mehrere – bereits jeweils für sich auf persönliche Daten hungrige – Dienste, also Social Websites, Widgets und Apps sich zunehmend vernetzen und dabei international agieren?

  1. Erstens vereinfacht Google seine für verschiedene Anwendungen (Maps, Google Mail, iGoogle etc.) geltenden Privacy Policys auf eine gemeinsame Version.
  2. Zweitens realisieren aufstrebende Programmierer von Smartphone-Apps mit ihrer innovativen Affinität zur massenhaften Erhebung und Verknüpfung von Nutzer-, Orts- und Zugangsdaten eine neue Ebene der Verdichtung.

Moment mal – was hindert normalerweise den totalen Datendurchfluss: “Mehrwertmangel”?

Erst wenn für den Nutzer “offensichtliche Nutzungsszenarien existieren, die ihn in irgendeiner Form von einem Mehrwert überzeugen”, klappt das mit der Wolkenbildung und dem Ja zum Personalausweis. Den Rest des Weges in “die digitale Adipositas” (Miriam Meckel) erledigen ein paar Klicks bei der nächsten Registrierung.


Ahnung und Intention (Sommertheater)

August 7th, 2010

In geruhsamen Tagen geben sich Akteure gerne ahnungslos.

Google-Justiziar Arnd Haller etwa hält eine Presse-GEZ für schlicht absurd, da doch niemand Inhalte ins Netz stellen und verlinken müsse, wenn er das nicht möchte.

Und auch Pentagon-Sprecher Geoff Morrell meint einfach, dass die Weitergabe geheimer Unterlagen an ein gemeinfreies Informationssportal wie WikiLeaks NICHT rechtens sei.

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Beide habe gute Argumente für ihre Standpunkte. Monetäre und politische Interessen ebenfalls.

Trotzdem lernen wir im Vergleich der Verfahren zur Software-Patentierbarkeit in Ozeanien und Deutschland: Selbst das eingeleitete Ende der Netzneutralität und das Scheitern einzelner Erfindungen definieren die Situation als ganze abschließend bisher nicht.


Elektronische Zerstreuung

Juni 13th, 2010

Der Sommer ist da, doch kein Tag vergeht, ohne dass vernetzte Informations- und Kommunikationssysteme jemanden überfordern. Im Rahmen ihrer (gefüllt sein wollenden!) Themenseite “Digitales Denken” überschreibt etwa die FAZ das Aufeinandertreffen der Webpioniere Berners-Lee und Ray Kurzweil auf dem Zukunftsforum in Dresden mit einer generellen Unerklärlichkeit der Wirkung des Internets.

Da habt ihr den Salat: Elektronische Daten sind da, vermehren sich rasend und vernetzen sich weiter. Ein Phänomen, dessen Entstehung der verehrte Soziologe Dirk Baecker mit Marshall McLuhan in das 19. Jahrhundert datiert: “Elektrizität, so Marshall McLuhan, heißt Instantaneität, heißt weltweiter Signalaustausch in Lichtgeschwindigkeit.”

Und schnelle Signale schlagen Wellen: “Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden.” Die “nächste Gesellschaft” erfordert also neben Internet-Zugang (Passwort-gesichert?) und Facebook-Account (Privatsphäre-geschützt?) neue Wege zur “Überprüfung von Weltmisstrauen”.

Mit der Schrift erfanden Griechen die Philosophie, die frühe Neuzeit mit dem Buchdruck die Welt der Gefühle. Und was erfinden wir? Den Flashmob vielleicht – als eine spontane Verabredung zerstreuerischer Tätigkeiten, wie diese größere Wasserschlacht oder jene nächtliche Party …?


Algorithmus der Prophezeiung

Mai 8th, 2010

Endlich kommts raus. Und gleich alles zusammen: Denn die Hälfte des Börsenhandels geschieht ohne das Zutun der Broker.

Weiland Griechland wankt, packts den Stier an den Hörnern: Man muss nicht unbedingt mitmischen, wenn die Lawine bereits rollt. Es drohen Unkosten, am Ende.

Wie der Beschwerdeführer gegen die Vorratsdatenspeicherung des Chaos Computer Clubs messerscharf folgert, stiftet ein grundsätzlich begrüßenswertes Urteil des BVerfG eher ungewollt gleich doppeltes Unbill:

Aufgrund höherer Sicherheitsanforderungen, wohl gemerkt. War es Robert K. Merton, der so etwas zuerst “self-defeating prophecy” taufte?

Maschinen übernehmen und kumulieren Daten nach unseren Regeln. Weil wir es lieben: Ordnung, Geld und Geschwätz. Nur ein Affe hält uns alle für Idioten, Herr Schneider hingegen für seine Schüler, welch ein Glück.


Dummdenken in Echtzeit

April 4th, 2010

Der März verstrich – nicht ohne Spuren. Ab sofort ist Google eine Art Meta-Twitter, wobei leider das Soziale des Netzwerks in der Suchmaschine verloren geht. Und wenn Google das Web in Echtzeit rankt, wird es Zeit für Realtime-SEO.

Quo vadis, Nutzer des Internets? Vermag dein bestes Denken seine Polykontextualität lenken, wie Jürgen Kuri fordert? Oder entwickeln wir uns dreist zu Dumm 3.0, wie Markus Reiter vermeint?

Microsofts best geklicktes Blau

Nicht nur am Rande erscheint erwähnenswert, wie der neue schnelle LTE Mobilfunkstandard arbeitet, nämlich ähnlich dem Internet-Protokoll (IP), wie “ein selbstorganisierendes Netzwerk: Neue Funkzellen werden aufgebaut und eingeschaltet, [...] Die umliegenden Zellen bemerken den neuen Kollegen und senken ihre Leistung. Fällt eine Zelle mit einem Defekt aus, wird sie automatisch aus dem System herausgenommen, und die Nachbarstationen erhöhen ihre Sendeleistung.” Jedoch wenn Millionen Nutzer um über 1000 parallele Frequenzkanäle – analog Webservern – konkurrieren, kann es eng werden im Band. Dann schlägt Quality of Service die Netzneutralität?

Bevor wir darin zu viel erkennen, lasst uns zu Ostern ergötzen am best je geklickten Blau, welches Microsoft vor kurzem (er)fand. Ob dies schütz- und patentierbar ist, wurde nicht notiert.


Kulturgüter in der Schelmenwelt

Februar 20th, 2010

Huch, mein Facebook ist weg! Dies dachten nicht wenige, die sich neulich – wie üblich – ihren Weg ins weltgrößte Soziale Netzwerk über eines dieser Eingabefelder oben im Browser bahnten.

facebook login - Google Search
Uploaded with plasq‘s Skitch!

Was sie nicht wussten, war zweierlei: Erstens, dass ein lesenswerter Facebook-kritischer Artikel des Tech-Blogs ReadWriteWeb aufgrund der mächtigen, wenngleich kontextabhängigen Intelligenz von Googles Algorithmen zwischenzeitig einen der besten Plätze zur Suchanfrage “Facebook login” erklommen hatte.

Und zweitens wussten sie und wissen vermutlich bis heute nicht, dass das Suchfeld oben rechts im Browser nicht (direkt) denselben steuert, sondern meistens die populärste Suchmaschine füttert. Was wir daraus lernen – von wichtigen Lektionen in Search Usability einmal abgesehen?

Vielleicht, dass die digitale Kultur nicht psychedelisch, “eine Technologie- und Wirtschaftsentwicklung mit sozialen Auswirkungen” und die “kulturellen Leistungen des Internets [...] bisher noch marginal” sind? So meint jedenfalls Andrian Kreye in der Süddeutschen. Der Alltag ändert sich, die Kultur bleibt gleich – der Apparat denkt diesbezüglich langsamer…

Wenn es nach der Piratenpartei Berlin ginge, wären die technikaffinen Massen demokratisch viel weniger träge. Einzige Voraussetzung für Repräsentation in politischen Diskursen bleibt auch in der Liquid Democracy oder in ihrer kleinen vorrevolutionären Schwester namens “Liquid Feedback” ein registriertes Netzwerkprofil: “Mitglieder der Berliner Piraten, die nicht im System registriert sind, können Ihre Stimme auch nicht delegieren.”

So ist es eben: Was den einen demokratisch oder kulturell wertvoll erscheint, gilt einem anderen Kopf in der FAZ höchstens romanästhetisch relevant: “Es ist eine Welt für Schelme in meist mittlerem Alter, die wie Gil Blas Schiffbruch erlitten haben und nun mit Dreistigkeit und Selbstmarketing anderen erzählen, wie man den Goldschatz findet. [...] Solange sich alle Schelme einig sind, dass es so kommen wird, und solange Medien ihnen den nötigen Raum geben, funktioniert das System”.

Mehr Input zur Verschmelzung von Welt und Web gefällig? Sehen Sie in der taz, wie unsere Küche in – sagen wir fünf Jahren – agiert. Und überhaupt, ist das Sterben des Journalismus etwa keine Kunst?


Surfbrett-Stalking und andere Transparenzen

Januar 31st, 2010

Scheinidentitäten, Schnüffelei und Stalking. Eine Frau wurde jüngst deshalb verurteilt, weil sie sich über Soziale Netzwerke Vertrauen und über offenes WLAN Zugang verschaffte.

Selbiges versuchen Microsoft und Google bei allen Patienten der Welt. Vertrauen erschleicht sich, weshalb Datenschützer natürlich skeptisch werden. Sind Sie einzigartig wie Ihr Browser?

Sagen über Fragen. Am besten wir übermitteln unsere Steuererklärung im Februar. Dieses Mal locken sogar Preise.


Alle gegen Google

Januar 23rd, 2010

Wir machens alle, daher nur eine kurze Übung Google Bashing…

Die Verleger, das Kartellamt, die Ministerin Leutheuser-Schnarrenberger und die französische Justiz kämpfen gegen Google. Der berühmte Soziologe Richard Sennett zieht sogar Parallelen zur Stasi.

Nur eine hat keine Bedenken, die EU-Komission.

Suchergebnisschnippsel (Snippets), AdWords und AdSense (Webseiten-Werbe-Vermarktung), Monopolstellung hin oder her. Es liefert bei der nächsten Suche Ihre Treffer wer?


nPA, ELENA und EPA oder: schöne Features rund ums Portemonnaie

Januar 23rd, 2010

Bald gibt es ihn, endlich: Der elektronische Personalausweis (nPA) kommt vermutlich im November 2010.

Kaum dass er da ist, war er fast schon wieder tot, wie Heise an einem Dienstag im Januar titelte. Nach zermürbenden Diskussionen pflegen das Bundesverwaltungsamt und Kollegen nicht mehr vom elektronischen Personalausweis (ePA) zu sprechen.

Ob ePA oder nPA – das Ding ist kompliziert. Schnittstellen- und programmiertechnisch, jedoch auch in seinen praktischen Features. Als Elemente des eID-Verfahrens (Erklärung 1 und Erklärung 2 ohne Kürzelauflösung) sind nämlich zu unterscheiden:

  • die Identifikationsfunktion (behördliche Identitätsfeststellung)
  • die Online-Authentisierung, mit der sich Inhaber (quasi-anonym also pseudonym) im elektronischen Rechts- und Geschäftsverkehr über das Internet ausweisen können
  • die qualifizierte elektronische Signatur (QES)

auf dem kontaktlos auslesbaren Chip der Ausweiskarte.

So verlautbaren offizielle IT-Beauftragte wie Dr. Hans-Bernahrd Beus und Martin Schallbruch im Namen von Bundesregierung und Innenministerium (BMI).

Naturgemäß fällt die Einschätzung des ePA im Lichte informationeller Selbstbestimmungsrechte kritischer aus: Bundesdatenschutzbeauftragter Peter Schaar findet den Ausweis im Prinzip super, moniert aber, dass die Zertifikatausteilung und -entziehung sowie die Zulassung von Diensteanbietern im Prozess der elektronischen Identifizierung (eID) nicht per Gesetz an Datenschutzaudits gekoppelt sind. Die neue Schlüsselfunktion des Staates zwischen Konsumenten, Prüfern und Verkäufern bedeute schließlich eine enorme Macht.

Wie bei ELENA, dem elektronischen Entgeltnachweis, gibt es also plausible Bedenken. Doch fürchtet euch nicht, Bürger! Zwar könnt ihr mit dem nPA künftig künftig nicht euer Auto starten. Bezahlen und Grenzen überschreiten allerdings schon. Und spätestens 2014 bekommen wir Elektronische Patientenakten (EPA), welche übrigens nicht dem Schutz des Europäischen Patentamts (EPA) unterliegen.

Nur für die USA gilt eine andere Karte: Ab sofort muss sich jeder Amerikareisender zuvor online registrieren. Wahrschein- oder hoffentlich können die unsere ePAs nicht (aus)lesen oder verstehen.


Neutrality and maoism left

Januar 17th, 2010

Allem Erfolg liegt ein Scheitern inne. Diese kühne These erlaubt den Brückenschlag zwischen drei Aspekten digitaler Kultur:
- Zugang und Leitung
- Eigentum und Entlohnung
- Privatheit und Öffentlichkeit

Versuchen wir die behauptete Diagnose der Lage Anfang des zweiten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends:

  1. Netzneutralität, also die gesicherte Möglichkeit, im Internet alles gleichartig (und gleichzeitig) vorzufinden, ist in der Krise.
  2. Copyleft: Ansprüche an Eigentum und Vergütung von Wissen befinden sich seit Durchbruch des Webs in einer permanenten Revolte.
  3. “Was du nicht willst, dass der andere weiß, das lasse lieber sein.” Die Grenze zwischen traditioneller Privat- und Allgemeinheit wackelt und bewegt sich.

Befragen wir die Avantgarde in der FAZ:

  • Jaron Lanier beklagt, dass ein “Interaktionsmodell, in dem Künstler ihre Produkte kostenlos anbieten müssen, ihnen die Struktur vorenthält, die sie brauchen, um sich wirklich selbst zu entfalten.” So komme es “unter dem Banner der Offenheit zu einem Verlust an Kreativität. Offenheit für alle ist wunderbar, aber diese Art von Offenheit ist eine Abstraktion, die am wirklichen Leben vorbeigeht.”
  • Geert Lovink geißelt “eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde.” Erst als das Netz “von der Unternehmenskultur schon übernommen worden war, kamen die technischen Möglichkeiten, es ästhetisch fortzuentwickeln. Eigentlich hätte dieser Prozess komplett umgekehrt verlaufen müssen. Erst die Avantgarde und dann die unternehmerische Umsetzung.”

Denken wir nach: Was kommt, was wird gewesen sein? Was IBM vor Jahren prognostizierte? Stimmen Sie ab!

Der Apparat befürchtet, am Ende wird abgerechnet. Vielleicht mit einem Mikrozahlungssystem à la Lanier: “Die Offenheit wäre bewahrt, und doch käme die ökonomische Welt zu ihrem Recht, was für die Zivilisation von entscheidender Bedeutung ist. Die Sache muss universell gültig sein, ausgearbeitet auf Regierungsebene, nicht von einem Privatunternehmen.”