Archive for August, 2009

Google liest die Leser

Sonntag, August 16th, 2009

Kein Wochenende ohne Google: Der Quasi-Monopolist (nur von einem sanften Bing begleitet) kann wahrscheinlich im Herbst sein erweitertes Buchprojekt starten. In den Staaten hat sich Google mit Autoren und Verlegern über die Konditionen geeinigt, zu denen urheberrechtlich geschützte Bücher bei Google angezeigt, durchsucht und verkauft werden dürfen.

Allerdings ist das Vergleichsverfahren (Final notice) am Bundesberzirksgericht New York Süd noch bis zum 4. September offen. Netzaktivisten sehen mit der Einigung über das Copyright eine andere Gefahr aufziehen: “Sie wissen, welche Bücher du suchst”, warnt Jonathan Lethem von der Electronic Frontier Foundation, “sie wissen, welche Bücher du dir genauer anschaust, sie wissen, wie viel Zeit du für das Lesen einer Seite brauchst”, zitiert die Süddeutsche

Die Angst vor kollektiver geistiger Enteignung weicht der Befürchtung privater digitaler Aneignung – nämlich der Individualität des Lesens durch einen fast allmächtigen privatwirtschaftlichen Konzern. “Als ich jung war, begab ich mich auf eine sehr private, ungewöhnliche, intensiv erlebte Reise. Es war entscheidend, dass ich mich ganz allein auf diese Reise begab”, kritisiert Schriftssteller Lethem weiter.

Während der Wind von heftig (wer zahlt?) auf mäßig (eine Frage des Preises!) abschwächt, kreuzt die Eigentumsfrage geistiger Schöpfungen das Schutzproblem persönlicher Nutzerdaten und -profile. Civil liberty heißt dann den den Besitz privater Geheimnisse bewahren – oder gar ein Eigentum konstituieren?

In einer anderen Eigentumssache (wer verdient an News?) setzt Google auf fromme Wünsche: “Wir haben großes Interesse, dass die Verlage erfolgreiche Geschäftsmodelle finden”, so Europachef Philipp Schindler zum SPIEGEL.

Wie kriminell ist die zweite Welt?

Samstag, August 15th, 2009

In Wahlkampfzeiten erreichen das Gefahr-Gewalt-Pornographie-im-Netz-Gezeter und notwendige Gegenreaktionen vom Typ “Anti-Zensur(sula)” ungeahnte Höhepunkte. Einschläge von Google-Bomben in Frankreich liefern den passenden Soundtrack.

Zwar ist die Zahl der Verbrechen mit dem “Tatmittel Internet” laut polizeilicher Kriminilitätsstatistik im Jahr 2008 um 6,5 Prozent auf 167.451 gesunken. Gleichzeitig stiegen die gemeldeten Fälle in der enger definierten Kategorie “Computerkriminalität” um 1,1 Prozent auf 63.642.
Und weil sie uns erhellen, hier zwei weitere Zahlen:
“Kinderpornographie”: minus 24,1 Prozent
“Softwarepiraterie”: minus 37,8 Prozent
(Quelle: heise.de)

Ob das Internet folglich als “größter Tatort der Welt” gelten sollte, wie der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt meint, mag der Apparat aufgrund Unvertrautheit mit Vergleichsdaten (Iran, Afrika, Wildeshausen?) nicht werten. Der Mann hat Probleme, nämlich zu wenig Vollzugsbeamte und ein grundsätzliches: Wo genau in der Welt liegen die Tatorte, und was tun die Verbrecher dort spezifisch Böses?

Der Spanne reicht in Deutschland vom “Betrug mittels Debitkarten mit PIN” (minus 6,5 Prozent) bis zum “Ausspähen, Abfangen von Daten einschließlich Vorbereitungshandlungen” (plus 60 Prozent). Man stiehlt Geld und klaut Daten, verletzt Eigentums- und Persönlichkeitsrechte.

Diese Straftaten sind in der realen “ersten Welt” schon immer so beliebt, dass es keiner Weltenlehre bedarf, um sich mit Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker einfacher Einsichten zu erinnern: Nicht das Netz, sondern Diebe, Späher und Voyeure sind die Bösen.

Was falle denn einem googlenden Personalchef ein, “erst gezielt nach den Partybildern zu suchen und sie dann gegen Bewerber zu verwenden? Und wie kommt es, dass unsere Gesellschaft ein solches Verhalten toleriert? Schickte der Personalchef einen Privatdetektiv los, um den Bewerber nächtens bei der Party im Park in flagranti zu erwischen und zu knipsen, gäbe es zu Recht einen Aufschrei, würde man von einer Verletzung der Privatsphäre sprechen.”

Um nicht weiter zu politisieren, beschwichtigen wir: Wer oder was weshalb Böse ist, und welche Daten vor wem zu schützen sind, regeln Ihre zuständigen Organe (sowie die verfügbare Technik).

Remix nach Regeln

Samstag, August 15th, 2009

Während der Spiegel – Sonntag gesehen, heute archiviert – das Fehlen von Regeln im Netz revolviert, kämpfen andere mit diesen. Warum darf Sixt Schmidt vermerkeln, während Wahlwerbungs-Satire bei Netzpolitik.org tabu sein soll?

Nun gut, es kam anders, die Fotografin (eine Agentin der Parteien? Wir wissen nichts!) gab klüger nach. Wahlwerbungs-Remix rules. Zitatrecht, Kunst- und Satirefreiheit bestehen fort.

Wir halten inne und frohlocken. Wo ein Kläger, auch nicht immer ein Richter. Und wenn gerade kein Google, dann wenigstens ein Boykott.